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Projekt

Die griechisch-römischen Tempel Ägyptens: „Bibliotheken aus Stein“

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Abb. 1: Der ptolemäisch-römische Isis-Tempel von Philae; Photo Chr. Leitz

Nachdem im Jahre 332 v. Chr. Alexander der Große Ägypten erobert und 306 v. Chr. sein ehemaliger General Ptole­maios die Dynastie der Ptolemäer begründet hatte, setzte überall im Land ein gewaltiges Tempelbauprogramm ein, dessen Wurzeln vielleicht schon in die 30. Dynastie (380–342 v. Chr.) zurückreichen und das bis in das dritte nach­christliche Jahrhundert an­dauern sollte. Während die pharaonischen Heiligtümer Ägyptens (spätes drittes Jahrtausend bis etwa Mitte drittes Jahrhundert v. Chr.) vergleichsweise knapp gehaltene religiöse Texte aufweisen, versah man nun Tempel, Kapellen und Torbauten in einem bis dahin nicht gekannten Maße mit Hieroglypheninschriften von teilweise beachtlicher Länge.

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Abb. 2–3: Auch wenn diese Textgattung nicht im Zentrum des Projektinteresses steht, zeigt ein Vergleich zwischen Ritualszenen des Neuen Reiches (links, etwa 1379–1340 v. Chr.) und ihren Pendants der Ptolemäerzeit (rechts, ca. 80–53 v. Chr.) augenfällig die Ausweitung des Inschriftenbestandes in griechisch-römischer Zeit. Das Thema der beiden Szenen ist zwar identisch (Milchopfer), das ptolemäische Beispiel enthält jedoch einen deutlich umfangreicheren Textbestand als das pharaonische; Bildquellen: H. Brunner, Die südlichen Räume des Tempels von Luxor, AV 18, Kairo 1977, Taf. 76; H. Junker, Der grosse Pylon des Tempels der Isis in Philä, DÖAW - Sonderband, Wien 1958, Abb. 20.

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Abb. 4–5: Dicht beschriftete Säulen im Pronaos von Esna; Photos Chr. Leitz

In den ptolemäisch-römischen Tempeln Ägyptens wurde jedoch nicht nur eine erheblich größere Textmenge in das Dekorationsprogramm integriert, auch die Schrift selbst erfuhr eine signifikante Bereicherung ihres Zeichenbestandes; Schätzungen gehen von einer nunmehr doppelt so hohen Zahl von Hieroglyphen aus. Die wegen ihres erweiterten und zudem speziellen Hieroglyphensystems bisweilen schwierigen spä­ten Tem­pelin­schrif­ten enthalten umfangreiche, vielfältige und nicht selten einzigartige Informationen über Kult- und Fest­geschehen, über die religiöse Topographie des Nillandes, Mythen und Göt­tergruppen, Baugeschichte und Raum­funktionen und werden deshalb von manchen Ägyptologen zu Recht als „Bibliotheken aus Stein“ bezeichnet.

 

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Abb. 6–7: Ausschnitt aus dem Horusmythos von Edfu; Detail aus einer sogenannten „Tempel-Monographie“ (Zusammenstellung der heiligen Dinge und Orte) in Kom Ombo; Photos Chr. Leitz

Die Gründe für die seit der Ptolemäerherrschaft geradezu exzessive Ausschmückung der Tempel liegen im Dunkeln. Möglicherweise initiierte die Erfahrung von Jahrhunderte währender politischer Unsicherheit und Fremdherrschaft eine neue Auseinandersetzung mit den in der Tempelbibliothek archivierten Inhalten der eigenen religiösen Tradition und weckte den Wunsch, dieses theologische Gedankengut möglichst umfangreich in Stein zu sichern. Auch mögen geistesgeschichtliche Veränderungen eine Rolle gespielt haben: Ein von den kulturell griechisch geprägten Ptolemäern im Niltal mit neuen Impulsen belebtes „Bibliothekswesen“ könnte auch in den Tempeln dazu geführt haben, zentrale Texte der dortigen Bibliotheken neu zu kodifizieren und auf die Wände der Heiligtümer zu übertragen. Unabhängig vom „Warum“ zeugen die immensen Inschriftenmengen vom enormen Reichtum an Wissen, auf den die Priesterschaft bei der Ausarbeitung der Tempeldekoration zurückgreifen konnte.

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Abb. 8: Der von zahlreichen Ritualszenen und anderen Inschriften bedeckte Propylon des Chons-Tempels von Karnak (sogenanntes „Euergetes-Tor“/Bab el-Amara); Photo Chr. Leitz

Die bekanntesten Tempelanlagen der Ptolemäer- und Römerzeit und bedeutendsten „Bibliotheken aus Stein“ sind die Kultbauten von Dendara, Esna (Abb. 4–5), Edfu (Abb. 9), Kom Ombo (Abb. 10) und Philae (Abb. 1). Im Textgut dieser Tempel sind einerseits viele gemeinsame oder verwandte Inhalte zu finden, andererseits aber auch solche, die das lokalspezifische theologische Konzept der jeweiligen Heiligtümer ausmachen.

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Abb. 9–10: Der ptolemäische Horus-Tempel von Edfu mit vorgelagertem Geburtshaus und der ptolemäisch-römische Doppeltempel des Haroeris und des Sobek von Kom Ombo; Photos Chr. Leitz

Umfang des Materials

Seit Ende des 19. Jahrhunderts sind die oft hervorragend erhaltenen Texte und Darstellungen der griechisch-römischen Heiligtümer systematisch dokumentiert und ganz oder zumindest zu einem Teil veröffentlicht worden, so dass zur Zeit (2010) insgesamt mehr als 13.000 Druckseiten hie­roglyphischer Tempeltexte vorliegen. Trotz dieser beachtlichen editorischen Leistung steht die inhaltliche Erschließung des Corpus noch ganz am Anfang, da sich die Textpublikationen in der Regel auf eine Kopie der Inschriften und Umzeichnung der Reliefszenen beschränken. Nur im Ausnahmefall enthalten sie eine Über­setzung oder einen inhaltlich-analytischen Kommentar. Dieser mangelnden Aufbereitung ist es wohl zuzuschreiben, dass die Tempelinschriften der griechisch-römischen Zeit über den engen Kreis der Spezialisten hinaus bisher nur wenig in der ägyptologischen Forschung rezipiert wurden.

Von der Tempelwand zum Kanon der ägyptischen religiösen Literatur

Neben zahlreichen wünschenswerten Studien zu Einzelthemen fehlt insbesondere ein systematischer Gesamtüberblick zu Kerninhalten, interner Vernetzung, Gestaltungsmustern sowie überlieferungsgeschichtlichen Problemen der bis ins Detail durchkomponierten ptolemäisch-römischen Tempeldekoration. Dieses Desiderat durch eine schritt­wei­se auf Vollständigkeit ausgelegte inhaltliche und strukturelle Erschließung der grie­chisch-rö­mischen Tempelinschriften zu beheben, ist ein wesentliches Ziel des Heidelberger Akademie-Projektes. Damit verknüpft ist die Frage, ob die Tempel einen verbindlichen Bestand an Textgattungen erkennen lassen, der für die ägyptische Religion eine Art Kanon bildet.

Grundvoraussetzung für jedes globale, tempelübergreifende Verständnis der „Bibliotheken aus Stein“ mit ihrem gleichermaßen komplexen wie anspruchsvollen Textbestand ist die präzise Erfassung, Aufschlüsselung und Gattungsanalyse der Einzeltexte. Deren Einteilung nach Kategorien erfolgt anhand gut erhaltener, typischer Beispiele, welche exemplarisch bearbeitet und auf ihre spezifischen Merkmale hin untersucht werden. Ziel des Projektes ist demnach weder die Edition bisher unveröffentlichter Texte noch eine Komplettübersetzung und -kommentierung aller Inschriften, sondern eine grundlegende Einteilung und Aufschlüsselung des kompletten Materials, die anhand ausgewählter Referenzbeispiele belegt und illustriert wird.

Zentrales Instrument der Texterfassung und -klassifizierung ist eine umfassende Datenbank, in der erstmals jeder einzelne Tempeltext ausführlich mit Grund- und Metadaten aufgenommen ist (Publikation/Bibliographie; Datierung; Anbringungsort; korrespondierende Texte und Parallelen; Textgattung; inhaltliche, sprachliche, graphische sowie redaktionelle Merkmale). Sie soll möglichst früh online für alle Interessenten verfügbar sein.

Der Tempel als Textgebäude

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Abb. 11: Mit übelabwehrenden Texten beschriftete Wasserspeier an der äußeren Rückwand des Naos von Edfu; Photo Chr. Leitz

Für das Gesamtverständnis der griechisch-römischen Tempeltexte ist nicht nur die Auswertung der zuvor definierten und kategorisierten Textgattungen eine essentielle Voraussetzung, sondern ebenso die Analyse der Wechselbeziehungen zwischen Text und Architektur. Da für den Ägypter das geschriebene Wort nicht nur Informationsträger war, sondern wirklichkeitssetzende Kraft besaß, kam den Inschriften an den Tempelwänden der Status von aktiven Trägern und Unterstützern der Kultfunktion des Tempels und seiner einzelnen Bestandteile zu; das Gerüst der ägyptischen Theologie mit seinen komplexen inneren Verbindungslinien wird hierbei auf das Gefüge der Architektur übertragen. Eine Untersuchung der Texte muß daher stets berücksichtigen, wo diese angebracht sind, wie sie räumlich in Beziehung zueinander stehen und welche Rückschlüsse sich daraus auf die Text- und Raumfunktion ziehen lassen. Im Rahmen des Akademie-Projektes mit seiner Zielsetzung, die Gestaltungs- und Verwendungsmuster der Tempeltexte im Detail herauszuarbeiten, ist dabei eine der Leitfragen, ob bestimmte Texte für bestimmte Architekturteile (Türpfosten, Türlaibungen, Architrave usw.) typisch sind und welche gegebenenfalls die verbindenden inhaltlich-funktionalen Elemente dieser Inschriften sind. Die Wechselbeziehungen zwischen den auf unterschiedlichen Bauteilen des Tempels angebrachten Inschriften, welche das Heiligtum in ein vielschichtiges Textgebäude verwandeln, treten dabei erst nach einer kombinierten Betrachtung von Textgattung und Textposition sichtbar hervor.

Die griechisch-römischen Tempel: Textschmieden zwischen Tradition und Innovation

Die ungeheure Textfülle auf den Wänden der ptolemäisch-römischen Tempel markiert das Ende einer Jahrtausende alten Tradition ägyptischer religiöser Literatur. Auch wenn an Einzelbeispielen bereits die Kreativität und das hohe intellektuelle Niveau der priesterlichen Redakteure dieser Zeit aufgezeigt werden konnte, ist für den Großteil der Inschriften nicht geklärt, inwieweit man welche älteren Texte für deren Ausarbeitung herangezogen hat.

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Abb. 12: Ägyptischer Cheriheb (Vorlesepriester); Quelle: F. Daumas, Les mammisis de Dendara, Kairo 1959, Taf. 87

Besonderes Augenmerk verdient bei der Untersuchung dieser Frage das „Wie“, d.h. die philologische und graphische (Neu)formung religiöser Traditionen: Neben der Stilistik spielen hierbei auch die Glossierung und Kommentierung, Textverkürzung und -erweiterung, altägyptische Begriffsausdeutung (Etymologien/Ätiologien) und die symbolische bzw. allegorische Verwendung der Hieroglyphen über den Charakter als Schriftzeichen hinaus eine Rolle. Obgleich sich das Projekt vordringlich mit den ptolemäischen und römischen Tempeltexten beschäftigt, kommt ihm mit dieser Aufgabe eine Brückenfunktion zu den anderen Bereichen der Ägyptologie zu: Die Analyse der Texttradition wird dazu beitragen, diese Tempeltexte weit mehr als dies bislang der Fall ist, in das Fach zu integrieren und von einem speziellen zu einem selbstverständlichen Gebiet der Ägyptologie zu machen.